Merkantiler Minderwert

Wurde ein Fahrzeug durch einen Unfall beschädigt, und handelt es sich dabei nicht nur um einen sogenannten Bagatellschaden, so gilt das Fahrzeug als Unfallfahrzeug von merkantilem Minderwert. Der merkantile Minderwert bezeichnet den unfallbedingten Wertverlust nach den Marktverhältnissen an einem bestimmten Ort zu gegebener Zeit.
Nach geltender Rechtslage müssen sowohl gewerbliche als auch private Verkäufer eines Kraftfahrzeugs dem Käufer grundsätzlich ungefragt etwaige am Fahrzeug vorhandene Unfallschäden offenbaren, wenn es sich dabei um keinen Bagatellschaden handelt.
Allein schon die Einstufung eines Autos als Unfallfahrzeug führt zu einer erheblichen Minderung des Verkaufswertes, unabhängig davon, wie gut der Schaden repariert wurde.
Die unfallbedingte Wertminderung ist dem Geschädigten grundsätzlich nicht erst zu ersetzen, wenn er das Fahrzeug tatsächlich verkauft, sondern bereits nach dem Unfall. Ausnahmen hiervon können sich dann ergeben, wenn bis zum Nachweis der Fahrzeugreparatur eine Abrechnung auf Totalschadenbasis geboten ist (Beispiel 2).
Bei Fahrzeugen, die älter als 5 Jahre sind, wird üblicherweise keine Wertminderung mehr angesetzt. Eine solche kann allerdings nicht pauschal aufgrund des Fahrzeugalters ausgeschlossen werden. Vielmehr kommt es immer auf den Einzelfall an, eine unabhängige sachverständige Schadensbegutachtung ist anzuraten. Die höchstrichterliche Rechtsprechung macht die unfallbedingte Wertminderung eines Kraftfahrzeugs ausschließlich am Marktwert fest.

Beispiel 1:
Herr A hatte einen unverschuldeten Verkehrsunfall, bei dem sein neuwertiger PKW erheblich beschädigt wurde. Für die Instandsetzung sind umfangreiche Arbeiten an der Karosserie erforderlich. Die sachverständig ermittelten Reparaturkosten ohne Umsatzsteuer belaufen sich auf 4000 Euro. Der unfallbedingte merkantile Minderwert des Fahrzeugs wird in dem unabhängigen Schadensgutachten, das Herr A in Auftrag gegeben hat, auf 900 Euro beziffert.
Unabhängig davon, ob er sein Fahrzeug repariert, hat Herr A einen Anspruch auf Zahlung von 4000 Euro zuzüglich des vom Sachverständigen ermittelten merkantilen Minderwertes durch die Kraft-Haftpflichtversicherung des Unfallverursachers. Bei Vorlage eines Belegs für die durchgeführte Reparatur (konkrete Abrechnung) kann Herr A selbstverständlich verlangen, dass ihm zusätzlich die entrichtete Umsatzwertsteuer ersetzt wird. Nach den sachverständigen Feststellungen im Schadengutachten ist das Fahrzeug des Herrn A selbst in repariertem Zustand als Unfallfahrzeug mit einem Makel behaftet, welcher sich als Minderwert in Höhe von 900 Euro im Vergleich zu einem entsprechenden unfallfreien Auto niederschlägt. Diesen hat der Schädiger durch eine Schadensersatzzahlung an Herrn A auszugleichen.

Beispiel 2:
Frau B hatte mit ihrem vier Jahre alten PKW einen unverschuldeten Verkehrsunfall, bei dem ihr Fahrzeug erheblich beschädigt wurde. Das von Frau B in Auftrag gegebene Schadensgutachten kommt zu folgendem Ergebnis:

Wiederbeschaffungswert brutto (differenzbesteuert) = € 10.000,- (€ 9756,09 netto)
Reparaturkosten brutto (inkl. 19% USt.) = € 8000,- (€ 6722,69 netto)
Merkantiler Minderwert = € 300,-  
Restwert (steuerneutral) = € 5000,-  


Würde sich Frau B dazu entschließen, ihr Fahrzeug gar nicht reparieren zu lassen und fiktiv nach Gutachten abrechnen, ergäbe sich rein theoretisch die folgende Rechnung:

  € 6722,69 (Reparaturkosten netto, d. h. ohne Mehrwertsteuer)
+ € 300,00 (Merkantiler Minderwert)
= € 7022,69  


Dabei würde sich Frau B nun aber erheblich besser stellen als vor dem Unfall.
Denn nach obiger Rechnung wäre ihr durch den Unfall ein Schaden von 7.022,69 Euro entstanden. Der tatsächliche Schaden ist jedoch erheblich geringer und errechnet sich wie folgt:

  € 9756,09 (Wiederbeschaffungswert netto)
- € 5000,00 (Restwert)
= € 4756,09 (Wiederbeschaffungsaufwand)


oder in Worten ausgedrückt:

  Wert des PKW vor dem Unfall
- Wert des PKW nach dem Unfall
= unfallbedingter Vermögensverlust (sogenannte Abrechnung auf Totalschadenbasis)


Nach dem geltenden Schadenrecht ist der Geschädigte vom Schädiger genauso zu stellen wie vor dem Schadenereignis. Er darf sich also, nachdem ihm der Schaden zugefügt wurde, nicht besser stellen als vorher.
Entschließt sich Frau B dazu, ihren PKW gar nicht zu reparieren, muss der Schädiger deshalb gemäß der Abrechnung auf Totalschadenbasis zahlen. Den unfallbedingten Minderwert und die Reparaturkosten hat er erst zu ersetzen, wenn Frau B eine Reparatur nachweist. Andernfalls käme es zur Bereicherung (€ 7022,69 - € 4756,09 = Bereicherung von 2266,60).

Hinweis:
Repariert der Geschädigte sein Fahrzeug nach vorheriger Abrechnung auf Totalschadenbasis dann doch und übersteigen die Reparaturkosten nicht die Wiederbeschaffungskosten, so hat er Anspruch auf eine fiktive Abrechnung. Das heißt, der Geschädigte kann die Auszahlung des im Schadensgutachten bestimmten Netto-Reparaturbetrags zuzüglich des merkantilen Minderwerts verlangen!

Siehe auch:
Reparaturkosten, Wiederbeschaffungsaufwand

Aktuelle Gerichtsurteile zu diesem Thema finden Sie hier.

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