Gutachterkosten

Nach einem unverschuldeten Verkehrsunfall vermag der Geschädigte seinen Fahrzeugschaden in der Regel erst auf der Grundlage eines sachverständigen Schadengutachtens zu ermessen. Die Kosten für dessen Erstellung sind ihm darum grundsätzlich immer und in vollem Umfang vom Unfallverursacher zu erstatten.
Eine Ausnahme kann höchstens bei sogenannten Bagatellschäden gemacht werden, wenn die Schadenbezifferung auf andere, wesentlich günstigere Art vorgenommen und dies dem Geschädigten bekannt war und auch zugemutet werden kann. In der Praxis ist das aber selbst bei kleinen Schäden äußerst selten der Fall.

Beispiel 1:
Herr A hatte einen unverschuldeten Auffahrunfall, bei dem sein neuwertiger PKW im Heckbereich erheblich beschädigt wurde. Am Tag danach erhält Herr A einen Anruf von der Kraft-Haftpflichtversicherung des Unfallgegners: Man versucht ihn davon abzuhalten, einen Rechtsanwalt mit der Schadenregulierung zu betrauen und bietet ihm an, seinen PKW vom eigenen Hausgutachter taxieren zu lassen.
Zum Glück wurde Herr A von einem Freund bereits vor den Schadenmanagern der Versicherungswirtschaft gewarnt. So weist er das Angebot zurück und schaltet einen Verkehrsanwalt ein, der umgehend einen unabhängigen Sachverständigen mit der Bewertung des Schadens beauftragt.
Sowohl die erforderlichen Gutachterkosten als auch die Anwaltskosten sind Herrn A voll und ganz von der gegnerischen Versicherung zu erstatten.

Beispiel 2:
Frau A hatte mit ihrem 24 Jahre alten PKW, der sich in einem sehr gepflegten Zustand befand, einen unverschuldeten Verkehrsunfall. Dabei kam es zu einem mehrere Meter langen Lack-Streifschaden an dem Fahrzeug. Da sie selbst nicht weiß, wie der Schaden genau zu bewerten ist, und der gegnerischen Versicherung misstraut, beauftragt sie einen unabhängigen Sachverständigen mit der Begutachtung.
Der Sachverständige beziffert die Reparaturkosten auf mehrere Tausend Euro. Da es sich um ein sehr altes, wenn auch äußerst gepflegtes Fahrzeug handelt, bewertet der Sachverständige das Fahrzeug der Frau A als Totalschaden.
Der Wiederbeschaffungswert für den PKW wird im Gutachten mit 800 Euro beziffert. Der nach dem Unfall verbleibende Restwert beträgt 500 Euro. Der von der gegnerischen Versicherung auf Totalschadenbasis der Frau A zu erstattende Betrag für ihren Wiederbeschaffungsaufwand beläuft sich somit zwar lediglich auf 300 Euro, sodass man von einem Bagatellschaden sprechen könnte, doch die entstandenen Gutachterkosten müssen Frau A in voller Höhe vergütet werden.

Hinweis 1:
Durch einen unverschuldeten Verkehrsunfall Geschädigte sollten sich grundsätzlich niemals dem Schadensmanagement der gegnerischen Versicherung anvertrauen, sondern stattdessen einen unabhängigen Sachverständigen mit der Beurteilung ihres Schadens beauftragen! Die Gutachter der gegnerischen Versicherung handeln nämlich strikt im Interesse ihrer Auftraggeber und somit gegen die Interessen des Anspruchsberechtigten.

Hinweis 2:
Es gibt keinen feststehenden Grenzwert von allgemeiner Gültigkeit, unter dem ein Bagatellschaden vorliegen und infolgedessen ein Sachverständigengutachten nicht erstattet würde!
Eine "allgemeine Meinung", nach der eine Bagatellgrenze zwischen € 500,- und €1.500,- anzusiedeln sei, existiert ebenfalls nicht. Vielmehr muss eine Beurteilung der Erstattungsfähigkeit von Gutachterkosten bei Kleinstschäden immer auch die Umstände des Einzelfalles würdigen. Dabei kommt es stets auch auf die individuellen Kenntnisse, Fähigkeiten und persönlichen Möglichkeiten des Geschädigten an!

Siehe auch:
Anwaltskosten, Sonderaufwendungen

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